„He said, you must eat so many lemons
‚cos you are so bitter.“ (Kate Nash)

Die Goldenen Zitronen gehören zu den letzten Vertretern einer Kunst, die gleichsam stur wie standfest die Fahne eines wie auch immer gearteten Sozialismus hochzuhalten versucht. Sich dabei folgerichtig jeglicher Kommerzialisierung in musikalischer Hinsicht verweigern, was dazu führt, dass das Hören eines Zitronen-Albums, ins-Bild-passenderweise, immer ein bißchen was von Arbeitslager hat. Streng und ironiefrei die oft großartigen, ambitionierten Texte, sperrig und schrill die Musik. Dass es sich bei Schorsch Kamerun nicht gerade um ein Stimmwunder und bei seinen Mitstreitern keineswegs um Instrumentalvirtuosen handelt, kantet die Sache sozusagen ab.
Kurz gesagt: die Zitronen sind anstrengend! „Schwähre Kost“, wie einer der Klitschko-Brüder zu sagen pflegte.
Um so schöner, dass ihnen auf dem aktuellen Album Who’s Bad mit dem Opener Scheinwerfer und Lautsprecher doch mal ein echter Kracher gelungen ist. Die Strophen eine wundervoll pointierte Haßtirade gegen kapitalistischen Konsumterror und dessen aufdringlichste Multiplikatoren – Werbung und Medien.
Und der Refrain eine kurze aber kühle Abrechnung mit einer der Lieblings-Diskursvokabeln der 90er – der Wohnzimmerrevolution.

Was ja gleichsam ein finaler Abgesang auf die „Hamburger Schule“ ist.
Der gehörten die Zitronen zwar niemals an, spielten aber in der Hamburger Indieszene nichtsdestotrotz seit jeher so etwas wie die Patenrolle – man achtet und fürchtet sie gleichermaßen. Und besagte Wohnzimmerevolution war nun mal eine Art Kerngedanke auch der Hamburger Schule.
Sicher hat man damals die ein oder andere ernste Hoffnung an diesen Gedanken geknüpft, ihn tatsächlich als Strategie begriffen. Wirkung entfaltete er allerdings hauptsächlich als Schweigealibi einer zum Stellungbeziehen letztlich sowohl zu faulen als auch zu gut genährten bildungs- und besitzbürgerlichen Jugendgeneration.
Anders ausgedrückt: einer Generation, die sich den klassischen Intellektuellenauftrag aus zugegebenermaßen durchaus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr aufbürden lassen wollte. Die schließlich, nachdem die Wohnzimmer sich doch wieder nur als Drehorte familiärer Spießigkeit oder putzplangeordneten WG-Alltags entpuppten, als Ersatzstrategie nurmehr „Kapitulation“ im Angebot hatte. In guten Momenten, wohlgemerkt.
In schlechten missverstand sie auch noch diese Spießigkeit als das Echte, weil irgendwie Emotionale und driftete in eine besorgniserregend antiaufklärerische, neudeutsche Romantik.
(Hier habe ich mich schon ein Mal ausführlich mit diesem Thema auseinandergesetzt.)

Verglichen damit macht der knochentrockene Rationalismus der Zitronen dann eben doch vieles richtig. Zwar lässt er immer wieder ahnen, dass das Licht der Aufklärung tatsächlich nur ein sehr kaltes Neonlicht ist. Aber mit Gefühlen, Herzschmerz und Empathie, diese kleine philosophische Lehre sei mir abschließend gestattet, lässt sich eine Revolution vielleicht sogar gewinnen, aber niemals begründen.
Schade bloß für die Goldenen Zitronen, dass Kunst nicht bloß gesellschaftliches Statement ist, sondern in allererster Linie ein Genussmittel. Und in diesem sind Blumen und Schmetterlinge, Durakkorde und Wohfühlmelodien, „Vanille, Schokolade, leckere Erdbeere“ (Bud Spencer) nicht nur nicht verboten, sondern zumeist durchaus gerngesehene Bestandteile.

Eine inzwischen ebenfalls halbwegs routinierte Truppe im unhörbare-Platten-Machen sind MGMT.
Auch diese haben auf ihrem aktuellen Longplayer aber mindestens eine schöne Nummer zu Stande gebracht. Das Album heißt wie die Band und der empfohlene Song Alien Days. Der ist, sagen wir: ganz ordentlich.
Scheinwerfer und Lautsprecher finden Sie mit Sicherheit in wenigen Wochen hier in meinen Jahres-Top 20; Alien Days vielleicht…

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