In der nicht zuletzt wegen ihrer Bildunterschriften unvergessen gebliebenen britischen Musikpostille Q fand sich einst ein schönes Beatles-Foto mit ebenso schöner Caption. Es zeigt eine Situation im Studio oder Proberaum: ein sitzender, schmächtiger George Harrison, nach oben aufblickend zu einem stehenden und ohnehin etwa doppelt so voluminösen John Lennon, beide mit umgeschnallter Gitarre.
Die Bildunterschrift der Q:
„Can we play one of mine now?“
„No.“

Womit das wichtigste zusammengefasst wäre.
Zu George Harrison, der vor ziemlich genau 20 Jahren verstarb, und an den darum hier heute etwas ausführlicher erinnert sei.

Die Beatles hatten schon lange vor Corona eine recht strenge 2-G-Regel eingeführt: maximal 2 von Georges Songs pro Platte ließen Paul und John zu, den Rest schrieben sie lieber selbst. Und was seinerzeit und auch in der Nachschau auf viele immer ein wenig ungerecht und arrogant wirkte, war letztendlich vor allem eins: weise.
Wer zu Ehren seines 20. Todestags sich noch mal alle Soloplatten von George Harrison anhört (raten sie mal, wer’s gemacht hat), wird schnell feststellen, dass eine „Nicht-mehr-als-zwei-George-Songs-Regel“ auch für seine eigenen Alben eine hervorragende Idee gewesen wäre.
Was nicht heißen soll, dass alles von ihm Mist ist. Er hat einige tolle Songs geschrieben, sowohl zu Beatles-Zeiten als auch später auf Solopfaden. Allein: die goldenen Momente waren bei ihm sehr rar gesät, die Trefferquote lag im Karrieredurchschnitt bei etwa 1:7, also von sieben Harrison-Songs ist einer genial, den Rest können sie getrost den Hasen geben.

Verstehen sie mich bitte nicht falsch. Kein ernstzunehmender Pophistoriker und/oder Musikliebhaber würde leugnen, dass die Beatles die wichtigste, einflussreichste und wahrscheinlich auch immer noch bedeutendste Band aller Zeiten waren. Und ein Teil davon gewesen zu sein, wie George Harrison, rechtfertigt allein schon das ewige Hutziehen der Nachwelt.
Nur über die wenigsten wird 20 Jahre nach ihrem Tod überhaupt noch ein Wort verloren.
Gleichermaßen sollte man aber als Analyst bei einer Würdigung auch die Kirche im Dorf lassen, und nüchtern betrachtet war George Harrison eben kein großer Songwriter, ja, er war, wenn wir ehrlich sind, auch nur ein maximal durchschnittlicher Gitarrist. Dazu unten mehr.

Passenderweise hatte er dann post-Beatles auch relativ schnell eine prima Nebenbeschäftigung für sich ausgeguckt: als musikalischer Ziehvater und Auftragssongwriter für Ringo Starr. Etwas pointierter ausgedrückt: auch wenn du in deiner Band nur der Drittbeste bist, der Viertbeste kann deine Hilfe trotzdem jederzeit gebrauchen.
Ringos Platten sind im allgemeinen mit dem Wort „schlimm“ am treffendsten validiert, und also stachen Georges Nummern auf ihnen als quasi Einäugige unter Blinden doch recht verlässlich hervor*.
Warum erwähne ich das überhaupt? Weil man eben auch anhand von Ringos Karriere das bislang Gesagte schön demonstrieren kann. Denn siehe: Was immer Gutes George für Ringos Alben beigesteuert haben mag, der beste Ringo-Song, und wahrscheinlich auch der einzige, den zu hören sich wirklich lohnt, ist Goodnight Vienna, geschrieben von,
sie ahnen es, John Lennon.

Doch was sagen seine Getreuen?
1964 schrieb Emma P. aus Harrisburg, Pennsylvania diesen wunderschönen Fanbrief an George:

“I hope, I can come to your birthday party as I must talk to you, George, before I go bonkers. My friend at school went to your party last year. You came with the others to pick her up at her house. It was funny, really, ‚cause Paul used her “lav” and she wouldn’t let her mum clean the “lav” out until months later. It started to smell, so it had to be cleaned after long last. But it was funny, cause she was always up in that toilet.” **

Armer George! Selbst in an ihn gerichteten Fanbriefen spielt er irgendwie nur die zweite Geige…

In einem in vielerlei Hinsicht aufschlussreichen Fernseh-Interview mit Dick Cavett anno 1971 schafft Harrison es, als seinerzeit noch absoluter Superstar, in 60 Minuten, abgesehen von dem einstudierten und von ihm trotzdem nur mittel performten Witzchen über Yoko Ono, nichts in irgendeiner Weise Interessantes, Spannendes, besonders Kluges oder gar Lustiges von sich zu geben.
Es hieß immer, er sei sehr medienscheu gewesen – womöglich waren eher die Medien sehr George-scheu, weil aus ihm einfach so wenig Unterhaltsames rauszuholen war…
Überflüssig zu erwähnen, dass er dabei, wie bei beinahe allem, was er tat, sehr „normal“ im Sinne von „menschlich“, z.B. sehr nervös, und natürlich ausnehmend nett und äh, nett war.
Man musste ihn nämlich trotz allem sein Leben lang gernhaben – er war nett, nett und früher bei den Beatles.

Themen, über die ich hier nicht sprechen möchte (weil ich entweder zu wenig darüber weiß oder mich nicht zuständig fühle oder zu viele andere schon darüber geschrieben haben):

  • das Dreiecksverhältnis Patty Boyd, Eric Clapton und George Harrison (vielleicht nur so viel: die Winkelsumme betrug 180 Grad)
  • George und LSD
  • George und Indien (obgleich ich liebend gerne den Begriff „Rabbi Schankhahn“ irgendwo im Text untergebracht hätte – aber die Miesepeter vom Lektorat hatten partout was dagegen…)

Lassen sie uns stattdessen über George Harrison als Gitarrist reden. Seinen Job bei den Beatles hatte er ja hauptsächlich deshalb bekommen, weil er als 15-Jähriger drei Akkorde mehr spielen konnte als John und Paul .
Ich würde seinen Stil versuchsweise als „meditativ“ bezeichnen.
Was bei einem ausgewiesenen Meditations-Fan wie George erst mal kein allzu kühnes Statement zu sein scheint.
Aber das Wort bringt m.E. die guten wie schlechten Seiten seines Spiels ganz passabel unter einen Hut – also sowohl die Stilsicherheit, die angenehme, songdienliche Zurückhaltung, die Reife und Eleganz, als auch eine gewisse Schläfrig- und Altherren-Bräsigkeit, die alle naselang die Grenze zu gefühlter Lustlosigkeit überschreitet.

Im Grunde gilt für sein Gitarrespiel wie für sein Songwriting, auch für die Art und Weise, wie seine Alben produziert wurden, ja vermutlich für sein ganzes Leben: er pfeift auf Perfektion.
Natürlich und entspannt soll es klingen/sein, auf keinen Fall bemüht oder artsy oder gar, wie wir Hessen zu sagen pflegen, überkandidelt.
George war offenbar als Mensch so sehr mit sich im Reinen, dass er (post-Beatles) seine eigene Durchschnittlichkeit nicht nur akzeptiert sondern umarmt und offensiv nach außen gekehrt hat. Und mit der inneren Ruhe und völligen Unabhängigkeit eines Multimillionärs einfach gemacht hat, wozu er Lust hatte – übermäßige Anstrengung gehörte nicht dazu.
Dass er dabei, anders als z.B. McCartneys Wings, trotzdem niemals „independent“ klang, ist eine weitere bemerkens- wie bedauernswerte Schrulle seines Werks.


Welche seiner Songs sollte man kennen?

Aus der Beatles-Ära empfehle ich hauptsächlich Something (George’s einzige Single-A-Seite für die Beatles) und natürlich Here Comes The Sun, beide auf Abbey Road zu finden.
Taxman ist auch mehr als passabel, wenngleich der Text schon immer leicht ambivalent, um nicht zu sagen unangenehm dagobertoid, rüber kam – gesungen von zu Revolver-Zeiten längst superreichen Fab Four. Bezeichnenderweise ist aber auch hier die Version von The Jam, die Paul Weller unter dem Namen Start etwas dreist als Eigenkomposition ausgab, deutlich schmissiger.

Von Harrisons erstem „echten“ Soloalbum All Things Must Pass lege ich ihnen I’d Have You Anytime und Isn’t It A Pity (hier hat Noel Gallagher ziemlich genau hingehört) nahe. Vielleicht noch Wah-Wah, Jahre später von Ocean Colour Scene brauchbar gecovert.
Auf den Folgealben wird es dann schon etwas schwieriger, wirkliche Perlen aufzutun. Georges dritte Platte Dark Horse enthält Songs wie Ding Dong Ding Dong, was ihm seinerzeit erstmals den Hohn der Musikpresse spüren ließ – offenbar begann die Unangreifbarkeit eines Beatle zu dieser Zeit langsam zu bröckeln. Der Albernheitsvorwurf kann in diesem Fall aber auch zurück an die Musikpresse gehen – gerne nutzt diese scheinbar kindische Songtitel als Vorwand, um sich von einem Star, dessen Hipness sich vermeintlich gerade auf dem absteigenden Ast befindet, öffentlich zu distanzieren – denken sie auch an Sting und De Do Do Do De Da Da Da.

Auf 33 1/3 können sie gerne mal in This Song reinhören. Oder in Crackerbox Palace. Das Erzählenswerteste an letzterem ist Georges Zusammenarbeit mit Eric Idle, welcher u.a. das Video zum Song produzierte.
In This Song hingegen verarbeitet Harrison den Plagiats-Prozess rund um seinen Hit My Sweet Lord. Zu dem nur so viel kommentiert sei:
ja, der klagende Verlag der Chiffons (eine amerikanische Girlgroup der frühen 60er) roch die schnelle Kohle und forderte eine astronomische Summe. Aber, fair play, My Sweet Lord hat tatsächlich Ton für Ton die gleiche Melodie wie der angeblich geklaute Chiffons-Song He’s So Fine.

Nach einer kurzen Auszeit kehrte Harrison 1979 mit einem selbstbetitelten Album in deutlich besserer Form zurück ins Rampenlicht. Mit weniger Kokain im Gepäck, dafür mit neuer Ehefrau und seinem ersten Kind, begegnet uns hier ein gewohnt entspannter, aber diesmal auch weitaus besser ausgeschlafener George und beschert der Welt mit Blow Away einen der besten Songs seiner gesamten Solozeit.

Faster ist der zweite Song vom Album, der noch ganz okay ist.
Mitte der 70er gönnte sich Harrison eine kurze künstlerische Auszeit, um sich seiner anderen großen Leidenschaft zu widmen. Seine andere große Leidenschaft?
Formel 1!
Dieser Mann hat wirklich kein Art-World-Fettnäpfchen ausgelassen…
In dieser Zeit freundete er sich u.a. mit Jackie Stewart und einigen anderen Rennsportskanonen der Zeit an, und also widmete er ihnen auf seinem nächsten Album einen Song. Faster vereint nahezu paradigmatisch alles, was an Georges Solosachen gut und schlecht war: eine durchaus okaye Komposition mit einer nicht uninteressanten Akkordfolge, sogar eine kleine Hook in Form eines einsamen Floor-Tom-Schlags vor dem Refrain, ein respektabler Text über die Sonnen- und Schattenseiten des Stardaseins (kleine Balla-Balla-Momente wie „He’s the master of going faster“ lassen einen hier ausnahmsweise eher schmunzeln).
Aber was für eine lausige, uninspirierte Produktion!
Billo-Rennsportgeräusche, die nach dem random-Prinzip eingesetzt als Hintergrundeffekt ins Leere dröhnen; kein Drive, kein Biss, weder im Spiel der einzelnen Akteure noch im Gesamtappeal des Arrangements und, needless to say, der vermutlich behäbigste Song namens „Faster“ in der Geschichte des Rock’n’Roll.

1981 dann All Those Years Ago, ein weiteres Highlight aus Georges Solokarriere.
Inspiriert durch Lennons Ermordung, hat es dem Song sicher nicht geschadet, dass sich zu diesem Anlass alle verbliebenen Restbeatles (plus Linda) ein Stelldichein gaben – Ringo trommelt und Paul und Linda singen Background.

Auf dem 87er-Album Cloud Nine schließlich tummeln sich sowohl Georges beste Solonummer als auch seine peinlichste. When We Was Fab, egal ob ernst oder bloß liebevoll parodistisch gedacht, ist tatsächlich dermaßen nah am Original-Vibe der Beatles, dass man als Fan gar nicht anders kann, als den Song zu lieben. Es spricht für seine herausragende Qualität, dass er auch fast 35 Jahre später nichts von seinem Charme eingebüßt hat. Wieviel von diesem Credit eigentlich eher Co-Songwriter Jeff Lynne gebührt – let’s not be too nitpicky about it…
Ganz anders hingegen (Got My Mind) Set On You, die Drei-Euro-Fünfzig-Coverversion eines James-Ray-Songs, den schon im Original keiner gebraucht hat.
Dargeboten im Sound der ZDF-Hitparade kling Set On You, wie das meiste von Georges letzten beiden Alben (Brainwashed erschien posthum mit dem Segen von Georges Sohn Dhani, aber das macht das Album leider keinen Deut besser) eher nach Musiktherapiegruppe in einem Erholungsheim für Frührentner als nach ernstnehmbarer künstlerischer Äußerung.

Ein abschließendes Statement könnte also ungefähr so lauten: während es Harrisons gutes Recht war, spätestens ab Ende der 70er vor der Würde und dem daraus resultierenden Druck des Beatles-Erbes zu fliehen, ja vermutlich sogar die Erwartungen der Welt an ihn oftmals bewusst zu enttäuschen, so ist es im Gegenzug unser gutes Recht als Musikliebhaber, ihn für immer als eben nur drittbegabtesten Künstler von Vieren aus der berühmtesten Band aller Zeiten wahrzunehmen und zu bezeichnen.

George Harrison starb am 29. November 2001 an Krebs.
Keep resting in peace, George.


* Ich möchte das hier Geschriebene nicht als Ringo-Bashing mißverstanden wissen. Seine Platten sind schlimm, weil er nicht singen kann und in Deutschland unter der Genrebezeichnung „Schlager“ zu gruppieren wäre. Aber als Mensch und Entertainer ist Ringo ne absolute Kanone, und selbst heute, mit 81, wirkt er sympathischer, aufgeräumter und jugendlicher als so mancher, der bloß halb so alt ist – da kann Dorian Gray einpacken.

** zitiert aus: Craig Brown – One Two Three Four – The Beatles In Time, 4th Estate, 2020

Admin