DJ Lenin: Gabi Mohnbrot

Gabi Mohnbrot

Gabi Mohnbrot

Etwa von 1990 bis 1998 existierte die Frankfurter Rockband GABI MOHNBROT, bei der Lenin den Bass bediente und für einen Großteil der Musik und Texte zur Verantwortung gezogen werden muss.


Drei Songs von GABI MOHNBROT können Sie sich hier herunterladen. Wenn Sie Lust auf mehr bekommen haben, dann bestellen Sie sich am besten gleich die umfangreiche best-of-CD zum intelligenten Schleuderpreis von nur 9,99 Euro. Einige Lyrics der Band finden Sie hier.
Und unten anschließend können Sie bei Bedarf die persönlichen Erinnerungen des Autors an seine Band nachlesen.



GABI MOHNBROT
Persönliche Erinnerung an meine Band und Familie

Eins vorweg: Es war eine tolle Zeit. Unabhängig von allen üblichen Fragen nach Erfolg, künstlerischem Ertrag, Anzahl der klargemachten Mädels, Ruhm und Anerkennung im näheren und weiteren Umfeld usw., auch wohlwissend, dass in der kontemplativen Rückbesinnung die Dinge üblicherweise ein wenig stärker rosa schimmern, als in der Sekunde, in der sie wirklich passierten, war es schlicht und ergreifend: toll. Lustig, aufregend, Welt und Seele absorbierend - die bestmögliche Zeit, die man als Jugendlicher haben kann.
"Life is what happens to you, while you’re busy making other plans (John Lennon). Zum Beispiel legendäre Kioskbesuche in Düsseldorf ("Guten Tag, bitte drei Alt und ein Päckchen Oberbilk!"), verstörende Zusammenkünfte mit der Hochprominenz ("Entschuldigung, sind Sie Annette Humpe?" "Isch nix, isch Putzfrau. Isch ganse Tag humbehumbe."), unvergessene lyrische Perlen annähernd hölderlinscher Eleganz ("und einmal in Altötting, da war ich so betrunken, da ist mir fast beim Pötting das Mittelschiff gesunken.") und spätnächtliche Weisheiten mit oft paraphilosophischer Strahlkraft ("ich wollt‘ der unbedingt noch was sagen, aber in meinem Kopf war nur noch ein Wort: Obersuhl.").

Keiner weiß mehr so genau, wie lange es die Band wirklich gab, aber es dürften alles in allem an die zehn Jahre gewesen sein. Aus musikalischer Sicht eine unglaubliche Zeit- und Ressourcenverschwendung. Wir brauchten drei, vier funpunkige Dilettantenjahre incl. einer im wochenlangen Kleinkrieg gegen den aus heutiger Sicht verständlicherweise nicht ganz so euphorischen "Produzenten" (auf dem Cover stand: "aufgenommen und produziert von Ray Simon in der Beat-Factory, Studio 2" wo es doch einfacher hätte heißen können "aufgenommen in Rainers Garage") entstandenen ersten CD ("Für immer 19") um festzustellen, dass ein Bass bei aller Liebe niemals ein adäquater Ersatz für eine Leadgitarre sein wird, und dass ferner Singen eine Tätigkeit ist, deren Ausübung jener Minderheit vorbehalten bleiben sollte, die vom Schöpfer auch mit den entsprechenden Talenten ausgestattet wurde.
Enter Matze, und es dauerte weitere zwei, drei Jahre bis wir lernten, dass nicht aus jedem halbwegs okayen Kneipenwitz einem pawlowschen Reflex folgend umgehend ein neuer Songtext gestrickt werden muss. Dass es ja vielleicht sogar vorstellbar wäre, mal ein Lied zu schreiben, dass nicht primär das pennälerhumoristische Verlangen der Autoren stillt. Und dass es ab einem gewissen Reifegrad unter Umständen auch mal nach was anderem als der Walterelf klingen darf. Oder, wie es ein Trinkkumpan unseres Schlagzeugers recht schön auf den Punkt brachte: "Kinners, ihr seid doch richtige Musiker. Dann macht doch endlich auch mal richtige Musik."
Insofern war "Drogen" und das gesamte "Fischsuppe 93"-Tape tatsächlich so etwas wie ein Aufbruch, wenngleich sich die Produktion, bzw. besser gesagt die völlige Abwesenheit eines Produzenten, als fatal erwies - nun klangen wir plötzlich wie eine 80er Jahre Deutsch-Rock-Band.

Ach ja, die unselige Witzischkeit, so sehr sie unsere privaten Existenzen genährt und beflügelt hat, so sehr wurde sie zum Fluch unseres künslerischen Schaffens. Unvergessen die goldenen Worte des damaligen Sony-A&Rs Markus Linde: "Gabi Mohnbrot, wart ihr nicht immer so (now with utter disgust and contempt) lustig?" Wohl wahr.

Anyway, jeder Lebenstag ist ein Schultag, und wir waren, wenn auch in Schneckengeschwindigkeit, lernfähig. Matze versuchte mir in nächtelangen Diskussionen beizubringen, wie man "einen Song" schreibt ("keine King Kong- Breaks, vor allem keine keine King Kong-Breaks! Nein, auch nicht einen kleinen."), dafür brachte ich ihm über die Jahre bei, dass David Gilmour und "Major" Heuser with all due respect vermutlich nicht die geeignetsten Referenzen für den Gitarristen einer Indie-Band sind. Und so hatte die erwähnte Zeit- und Ressourcenverschwendung nach ungefähr acht Jahren tatsächlich ein Happy-End: GABI MOHNBROT machten schöne Musik.

Bei unseren letzten zwei Auftritten (von gefühlten zweitausendreihundersiebzehn) stand ich auf der Bühne (open-air im Frankfurter Grüneburgpark und open-air auf der PopKomm in Köln) und fühlte mich rundum glücklich und war ein bißchen stolz. Ich war Teil einer tollen Band, die wunderschöne Musik machte, diese halbwegs ordentlich präsentierte und das Publikum schien das sogar ähnlich zu sehen. Und obschon ich weiß, dass andere Bands dafür keine acht Jahre brauchen, muss auch gesagt werden: neun von zehn Bands erreichen diesen Zustand nie. Musik zu machen, die man sich auch als völlig Unbeteiligter privat anhören würde.

Dass ausgerechnet in diesem Moment die Band auseinanderbrach, empfand ich damals naturgemäß als tragisch, aber heute kann ich rückblickend nur mit der ältesten aller Binsenweisheiten zusammenfassen: man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Und da das Entwickeln von Ersatzleidenschaften ebenso wie die seelestabilisierende Flucht in Surrogatabusus (etwa Mädchen und neue aufregende Drogen) dem männlichen Geschlecht nachgesagterweise wenig schwerfällt , bin ich noch nicht mal in das berühmte tiefe Loch gefallen, das solche Lebenszäsuren in mittelklassigen Romanen zwanghaft evozieren würden.

Zurück zur Band.
"Kunst kommt von Können!" Leute, die das sagen haben natürlich alles falsch verstanden, arbeiten in Versicherungen, bauen Reihenhäuser, wählen CDU und verstehen sich mit ihren Eltern. Nichtsdestotrotz muss man hier ein wenig differenzieren ("I beg to differ" - Prong). In einer Band müssen zwei Menschen ihr "Instrument" beherrschen, nämlich Sänger und Schlagzeuger. Bei allen anderen Beteiligten gereicht ein wenig Musikalität selbstredend nicht zum Nachteil. Aber Stimme und Beat sind die absolut zentralen Ingredienzen aller erdenklichen Arten von Popmusik, die nicht umsonst einst als "Beatmusik" ihren Anfang nahm. Alle Bands, deren Schlagzeuger nicht tight ist und deren Sänger nicht intonieren kann, sind mittelfristig nicht zu ertragen und in the long run zum gerechten Mißerfolg verdammt (und kommen Sie mir jetzt nicht mit Ringo - die Beatles sind in vielerlei Hinsicht einfach außen vor).
Was bezüglich des Sängers auch Ottonormalhörern einleuchten mag, wird in Bezug auf das Schlagzeug gerne sträflich übersehen und oft auf unentschuldbare Weise unterbewertet. Mal abgesehen davon, dass es als Mitmusiker auf Dauer eine Qual ist, wenn der Drummer den Takt nicht halten kann, und noch dazu die einfachsten Strukturen (z.B. vier Zeilen Strophe, zwei Zeilen Bridge und dann kommt der Refrain) nicht versteht - ich habe mehr als ein halbes Dutzend Schlagzeuger kennengelernt, die sich die Anzahl der Takte einer Strophe aufschreiben mussten, um zu wissen, wann die Bridge kommt; ja Herrgott, sowas hört bzw. fühlt man doch einfach! - gilt darüberhinaus folgendes: Wenn Ihr Sänger Billy Corgan ("a baldy twat in a dress" - Sharon Osbourne) heißt, könnte aus Ihrer Band was werden. Wenn aber noch dazu Ihr Schlagzeuger Jimmy Chamberlin ist, dann haben Sie die größte Indierock-Band aller Zeiten. Nirvana sind nicht deshalb so groß geworden, weil ihr hypersensibler, psychisch labiler Sänger möglicherweise ein Genie war, sondern weil Dave Grohl dermaßen brachial und einzigartig auf seine Trommeln gehauen hat, dass dafür das Wort Rock’nRoll, wäre es nicht schon in der Welt gewesen, nachträglich hätte erfunden werden müssen. Lange Rede, kurzer Sinn: Wir hatten einen exzellenten Schlagzeuger und einen Sänger, bei dem die berühmte Milch im Kühlschrank frisch bleibt. Und ich wollte Ihnen ja eigentlich die Band vorstellen.

Tosser - Gesang und, ähm, sagen wir "Rhythmusgitarre":
Abgesehen von der reinen Intonationsfähigkeit sind Stimmen darüberhinaus, also was Ausdruck, Timbre, Charme anbetrifft, Geschmacksache. Für meine Zwecke eines Hybriden aus Manchester-Rave und Indie-Geschraddel mit deutschen Texten war nicht nur Tossers Stimme wie geschaffen, sondern auch seine Performance auf der Bühne (nämlich keine) einzigartig. Halleluhja an die arglosen Düsseldorfer Studenten, die wir während der "Amor"-Session zum Blind-Date-Probehören ins Studio schleppten, wo sie auf die Frage "und wie findet ihr den Gesang?", überfordert mit der rätselhaften Gesamtsituation, nichts sagten (drei von vier) bzw. "Gießkanne" (der Vierte). Und schöner noch Tossers zahlreiche Fans, die uns immer wieder mit dem Urteil beglückten: "Euer Sänger ist echt geil, der tut immer voll so, als hätte er überhaupt keine Lust da zu stehen." Die Wahrheit war so simpel wie genial: Er hatte oft wirklich keine Lust. Nun ja, es waren ja auch größtenteils meine Texte und meine Musik, und wir waren in mancherlei Hinsicht doch recht unterschiedliche Wesen. Aber genau wie Roger Daltrey sich bekanntlich nur einmal gewunden hat, bevor er einen von Townshends Texten gewohnt souverän und auch überzeugend rausshoutete ("Goodbye all you Punks, stay young and stay high." - zu Hochzeiten der Punkbewegung in England; Townshend meinte mit "Punks" aber The Who’s mehrheitlich picklige, bier- und burgerbäuchige und politisch schwer einzuschätzende amerikanische HighSchool-Fans), hat er letztendlich doch noch jeden Dreck, den ich so geschrieben habe, wenngleich mitunter emotionslos, so doch gerade deswegen hervorragend zum besten gegeben. Und in manchen Fällen, wie z.B. beim vom Publikum weitaus mehr als von der Band geliebten "Drogen", ist diese Ton- und Lustlosigkeit schlechthin perfektes Theater. Bezogen auf die Daltrey-Geschichte: Tosser hat nur einen einzigen meiner Songs tatsächlich abgelehnt (das aus heutiger Sicht nachgerade seherische Ich bin Dichter), weil er, wie er damals sagte "nicht predigen" wollte. Selbst das allzu lenineske Meineid, in dem ich meine nicht hundertprozentig mainstreamige emotionale Einstellung zu "Beziehungsfragen" verwurstete, wurde mißmutig geduldet. Aufgrund seiner gänzlich introvertierten aber dennoch nicht zu unterschätzenden Eitelkeit war er darüberhinaus nie aufdringlich gutaussehend, sondern, was ja viel wichtiger ist - wir waren schließlich Indie und nicht Pop - , einfach endcool. Und wenngleich ihn unsere, und insbesondere Himmis, nicht zuletzt testosteronbefeuerte Hibbeligkeit hin und wieder fassungslos zurückließ (Tosser zu arglosen Feierabendtrinkern in der Düsseldorfer Altstadt: "Entschuldigung, stört es Sie, wenn ich kurz meinen Kopf auf Ihre Tischkante haue?"), so trug er doch niemals rote Sweatshirts auf der Bühne. Das war schließlich Matzes Job. Seine Witze waren stets etwas rarer und weniger aufdringlich, aber dafür von einem idiosynkratischen Charme, den man vermutlich nur nachempfinden kann, wenn man jemanden wirklich gut kennt oder sehr sehr gern hat (Tosser beim Anblick einer Tüte Aurora-Mehl: "O rá rá!, sagte der Chinese mit dem Sprachfehler.")
Ein äußerlich gänzlich unaufgeregter Mensch, der Computer irgendwie interessanter findet als Frauen, der ein Leben im heimischen Keller einem Leben im Rampenlicht schon immer vorgezogen hat, und der uns trotzdem immer eine (übel-)launische Diva war: Respekt. Und aufgrund seiner bis heute absolut hoffnungslosen Nikotin- und Alkoholsucht (auch das natürlich ohne jegliche attitude, sondern halt einfach so) sind wir uns im Alter fast schon ähnlicher geworden als je zuvor.
Einfach ein durch und durch liebenswerter Mensch eben. Nur dass er Ihre Zuneigung natürlich niemals erwidern würde...

Himmi - Schlagzeug
Himmi war/ist gelinde gesagt: anstrengend. Ein Mensch, rein genetisch mit einem Wesen ausgestattet, wofür andere kiloweise Kokain oder Speed konsumieren müssten, um überhaupt nur in die Nähe einer Ähnlichkeit zu gelangen. Die verbale wie physische Diarrhoe in Menschengestalt. Aber dabei so unterhaltsam, dass man ihm nie wirklich böse sein konnte. Aber wollte. Versuchen Sie sich einfach mal vorzustellen, ihr Dasein mit einem Menschen fristen zu müssen, der niemals verkatert ist, niemals Schmerzen hat, der, auf den Punkt gebracht, einfach nicht versteht, warum andere Menschen ab und an mal schlafen müssen. Der nicht im Zweifel halt seinen Walkman aufsetzt und den letzten Liter Wodka schweigend alleine austrinkt, sondern der in seiner spätnächtlichen hyperaktiven frenzy grundsätzlich Gesellschaft, resp. Publikum braucht. Der, wenn der Wecker auf acht Uhr morgens steht, bis sechs Uhr morgens auf Sie einredet, danach endlich vor dem geöffneten Kühlschrank einschläft, und binnen Hundertstelsekunden in düsenjägeroider Lautstärke schnarcht - Wellnessfarm sieht anders aus.
Ein Problem, welches ihn nicht anficht, denn er könnte ja zwei Stunden später, also nach dem Weckerklingeln, ohne mit der Wimper zu zucken auch einen Marathon laufen, was er Ihnen Sekunden nach dem Weckerklingeln auch wortreich und vermutlich unterhaltsam erklären wird. Na ja, anstrengend, wie gesagt.
Nicht dass er jemals auch nur in Gedanken zur Debatte gestanden hätte. Mal abgesehen davon, dass er lange der einzige echte womanizer in der Band war, war er eben, und die Wichtigkeit dieses Tatbestands habe ich oben versucht zu erläutern, einfach ein verdammt sauguter Drummer. Nicht so exaltiert wie die oben erwähnten und natürlich auch kein Keith Moon - dafür war er zu sehr Profi (Schlazeuger haben, wie Gitarristen, als Mucker einen merkwürdigen, kunstfremden Ehrenkodex, der viele, kreativ womöglich förderliche, Ausbrüche im Zaum hält), aber eben doch so gut, dass es way beyond dem gesamten Rest der Band war, und dass, das oben erzählte unbelassen, die musikalische Zusammenarbeit mit ihm auf einzigartige Weise unkompliziert und stressfrei war, wie ich es mit keinem anderen Schlagzeuger auch nur annähernd erlebt habe.
Für einen Songwriter ein Schlagzeuger wie aus dem Märchenbuch. Du erklärst ihm kurz den Song, er versteht alles sofort, und spielt es dann einfach, und zwar sauber und tight. Ein Schlagzeuger, dem man nichts erklären muss: wahrlich ein Juwel.
Dass er darüberhinaus über einen goldenen Humor verfügte: no need to mention (Witzischkeit siehe oben).
"Früher hab‘ ich in England Landwirtschaft studiert. Aber dann war der Oxford."
"Halle-Gruga Baby, so why don’t you kill me?" (möglicher Falschversteher bei Beck’s Loser)
"Latteschorsch, dein Holz wird morsch." (beim Anblick eines Kruzifixes)
Wenn Sie diese drei Beispiele verständlicherweise nicht in Gänze nachvollziehen können, stellen Sie sich einfach einen kleinen Mann vor, der einer wildfremden, miniberockten Frau rugbystyle an die Waden springt, und dabei horizontal frei in der Luft hängend ausruft: "Ich bin die lebende Parkklammer!" Dann haben Sie’s in etwa.

Matze - Gitarre
Und Gesangsarrengements. Mit Matze wurde nämlich alles anders. Musikalischer sozusagen, bzw., wenn Sie es böse meinen, normaler. Matze, rote Sweatshirts aside, war ein Gitarrist. Also, ich meine, ein Mensch, der nicht nur eine Gitarre besitzt, sondern mit ihr auch umgehen kann. Was ihn aber so special machte und von den meisten Gitarristen unterschied, war die Tatsache, dass er in seinem Grundverständnis ein Musiker war. Ein biologisch seltener Fall in dieser Gattung. Denn für Gitarristen zählt gemeinhin die Anzahl der von ihnen gespielten Töne pro Sekunde mehr als die Frage, ob ein Song gut oder schlecht ist.
Er konnte, wenn’s sein musste, recht viele Töne pro Sekunde spielen, aber es musste nie sein; im Gegenteil es sollte jaulen und feedbacken, es sollte schräg aber melodisch sein, wir waren schließlich, ich wiederhole mich, Indie und nicht Heavy Metal. Schlimmer noch, er war sogar mehr Musiker als Fan. Kannte, man traut es sich kaum zu sagen, Tocotronic und die Smashing Pumpkins nur vom Hörensagen, war als einziger in der Band nicht mit einer akut anglophilen Störung gestraft und bewertete daher selbst Götter wie die Stone Roses, Oasis oder EMF nicht mit der Coolheits- sondern mit der Musikalitätsbrille. Hörte zu Hause heimlich Toto-Platten.
Klingt nach einer harten Nuss, und ja, ich musste ihm viel beibringen. Aber umgekehrt hat er mich in den erwähnten nächtelangen Diskussionen soviel zum Thema Hooklines gelehrt, dass ich zwar diesbezüglich weit vorankam, den besten Refrain aller GABI-Zeiten hat er letztlich aber dann doch, nach mehrjährigem vergeblichen Warten auf meine Erleuchtung, einfach selbst geschrieben (siehe "Kinderkrieg").
Ferner sorgte Matze mit seiner bodenständigen Art für die nötige menschliche Balance in der Band, die uns zwischenzeitlich schon mal abhanden gekommen war.
Bleibt die Frage nach der Witzischkeit.
Nun, natürlich first class, das vereinte uns schließlich alle immer, aber schwer zu berichten. Sein bis heute lustigster Beitrag, nämlich auf der Suche nach den einhundert blödestmöglichen Platzhaltern für "uuhh Macarena" (Matze: "uuhh Hacker-Pschorr") ist literarisch nahezu nicht vermittelbar, aber seine Antwort auf die genervte Schlagzeuger-Frage "Wann zeigst du denn dem Billy endlich wie der Basslauf geht?" Matze: "Das zeig‘ ich ihm bald.", bringt ihn zumindest charakterlich einigermaßen auf den Punkt.
Dass er noch heute ausgereifte Arrangements und Studioproduktionen für eine Band bereitstellt, mit deren "Szene" er ursprünglich mal wieder rein gar nichts zu tun hatte, schließt den Kreis, und zwar positiv. Es sind eben immer auch diese scheinbar unauffälligen Leute im Hintergrund, die eine Band groß machen.

Ich vermute, GABI MOHNBROT ist heute deshalb noch so ein wichtiger Aspekt meines Lebens - immerhin ist es zehn Jahre her, dass wir uns auflösten - weil diese drei Spacken und das Umfeld meine wahre und einzige Familie sind. Jedenfalls stelle ich mir immer vor, wenn Menschen von der Liebe zu ihrer Familie sprechen, dass sie in etwa jenes Zugehörigkeits- und Geborgenheitsgefühl meinen, dass ich empfinde, wenn man sich mal trifft, aber auch wann immer ich an jemand oder an Dinge von damals denken muss, was relativ häufig vorkommt, auch wenn man sich oft wochenlang nicht über den Weg läuft. Man braucht sich nicht unbedingt, aber man hat sich irgendwie. Zehn Jahre geteilte Lebenszeit hinterlassen halt ihre Spuren.
Mich selbst müsste natürlich einer von den anderen portraitieren. Vielleicht demnächst im Blog. Es wird wahrscheinlich das Wort Fleischsalat darin vorkommen und irgendeine Erklärung, dass man Menschen, deren Box drei Zentner wiegt, einfach nicht auf Dauer mögen kann.

Zusammengefasst: Hören Sie diese CD, lieben Sie jede Zeile und jeden einzelnen Ton und wertschätzen Sie das Herzblut, das investiert wurde! Dass wir dabei eine unglaublich gute Zeit hatten, vergeben Sie uns bitte - wir sind, falls Sie das tröstet, heute auch alt, frustriert und Alkoholiker.

P.S.: Näheres zu den etwas sachlicheren Fakten der Bandhistorie entnehmen Sie bitte dem Booklet der CD


Buchseite Hintergrundgrafik Oben
Buchseite Hintergrundgrafik Mitte Buchseite Hintergrundgrafik Schatten Buchseite Hintergrundgrafik unten
WWW