Gebrauchsanweisung

23. August 2011

Liebe Blogleserin, lieber Blogleser,
dieser Blog besteht aus drei thematisch unterschiedlichen Kategorien, welche mit Musik, Literatur und Alltägliches/Unsägliches überschrieben wurden. Es steht Ihnen frei, auf der Hauptseite einfach alles in absteigender Reihenfolge der Veröffentlichung zu lesen.
Aber es macht vermutlich Sinn, Ihren jeweiligen persönlichen Interessen gemäß, sich für eine der drei Kategorien zu entscheiden (rechts in der Menüleiste), und dann dort weiterzuschmökern.
Die Kategorien im einzelnen:

Musik - der Sinn des Lebens
Hier finden Sie alles, was im Großkontext britischer Popmusik und des sogenannten Indie-Pops im Allgemeinen wichtig und richtig zu sein scheint.
Hilfreiche Musiktipps - der Autor fischt für Sie regelmäßig die Perlen aus dem unüberschaubaren Meer neuer Musik heraus, an denen Sie sich sodann in Form von verlinkten Videos laben können.
Rezensionen - die vermeintlich bedeutendsten Neuerscheinungen werden selbstverständlich in einer ausführlicheren Abhandlung gewürdigt.
Pophistorische Analysen - hin und wieder ein etwas voluminöserer Artikel zu einem ausgewählten Thema aus dem weiten Feld der popkulturellen Diskurse.
Kurz gesagt: hier kann man zwar auch viel lesen, aber insbesondere kann man in dieser Kategorie ganz viel tolle Musik hören.
Wenn Sie eine ganz bestimmte Band suchen, nutzen Sie einfach die “Suche”-Funktion rechts oben.

Literatur - oder was der Autor dafür hält
Nennen wir es “Trashhumor”!
Wobei über “Trash” als Bezeichnung für das hier Gebotene vermutlich umfassender Konsens besteht, während über das “Humor” verschiedene Meinungen im Umlauf sind…
Hier geht es also nicht um die Kunst anderer, sondern diese Kategorie ist tatsächlich der Tatort und das Futteral für den literarischen Auswurf des Autors.

Alltägliches/Unsägliches
Die eher konventionelle Form der Blogschreiberei.
Was eben noch so alles anfällt, während man durchs Leben stolpert. Der kulturelle und verbale Restmüll unserer Mitmenschen, wenn Sie so wollen.
Reichlich Fotos auch, mit lustigen und weniger lustigen Fundstücken aus dem Alibert des alltäglichen Wahnsinns.

Die Trennschärfe insbesondere zwischen Kategorie 2 und 3 ist natürlich oft nur schwach, so dass einige Beiträge auch in mehr als einer Kategorie auftauchen können.
Aber fangen Sie jetzt einfach an zu lesen - es liegt einiges vor Ihnen.
Viel Vergnügen!

Going Mobile

15. Mai 2013

Soeben im Bus:
Zwei Reihen vor mir sitzt ein älterer Herr türkischer Herkunft (ÄHTH) und telefoniert mit seinem Handy. Eine Reihe vor mir sitzt eine ältere Frau türkischer Herkunft (ÄFTH1), neben mir sitzt eine weitere ältere Frau türkischer Herkunft (ÄFTH2), die ebenfalls am Handy telefoniert, und zwar sehr lautstark.
Nach einer Weile dreht ÄFTH1 sich zu ÄFTH2 um und schaut ihr relativ lange ziemlich intensiv ins Gesicht. Der Gesichtsausdruck ist nicht ganz eindeutig - irgendwie boshaft und vorwurfsvoll, gleichzeitig aber auch rätselnd und fragend.
Ich denke: Oha, die sagt gleich der anderen, sie solle sich gefälligst benehmen und nicht so selbstvergessen durch den Bus blöken.
Doch ÄFTH1 sagt nichts und dreht sich zunächst wieder um.
Etwa 30 Sekunden später wendet sich ÄFTH1 ÄFTH2 erneut zu, langsam hellt sich ihre Mimik auf, und schließlich gibt sie ÄFTH2 einen Stups und deutet auf ÄHTH.
Nun tippt sie auch ÄHTH auf die Schulter und deutet auf ÄFTH2, inzwischen ein breites Grinsen im Gesicht.
Und tatsächlich, wie in der billigsten Comedy, ÄFTH2 hatte die ganze Zeit mit ÄHTH telefoniert!!
Nun musste auch ich mit ÄFTH1 mitlachen. Doch erstaunlicherweise haben die beiden Telefonierenden gar nicht gelacht, sondern eher peinlich berührt reagiert. Gar nicht so sehr wegen der unfreiwilligen Komik der Situation, sondern eher, so schien es, als wären sie beide gerade bei einer peinlichen Lüge ertappt worden. Wer weiß, was sie dem jeweils anderen gerade erzählt hatten, an welch glamourösen sonnigen Orten sie sich befänden, während sie in Wirklichkeit nur höchst profan im 72er-Bus in die Nordi saßen.
Tja, life ain’t no picnic, most of the times.
Ich kann leider kein Türkisch,
aber ein schönes kleines Geschenk des Schicksals war es schon, dieser kleinen Komödie beiwohnen zu dürfen.
Das kommt wohl dabei raus, wenn sich die Alten in der Kommunikationstechnik der Jungen versuchen…

Streetcar named Desire

13. Mai 2013

Jeder von uns will ja im Leben irgendwo hin…

Straßenname

Neues Altes

3. Mai 2013

Man hielt mir unlängst vor, ich hätte in 2013 noch gar nicht über neue Musik berichtet. Da das wohl stimmt, weise ich heute wenigstens mal kurz auf drei Neuerscheinungen hin, die jedoch allesamt von alten Recken des britischen Popkosmos produziert wurden.

Nach einigen Soloversuchen hat Brett Anderson mal wieder ein Album mit Suede gemacht. Das ist zwar zu 99% alter Wein in ebensoalten Schläuchen, aber es ist zumindest ein Qualitätsjahrgang in bewährten, gut abgehangenen Schläuchen. Oder anders gesagt: es ist nicht besser aber eben auch nicht schlechter als irgendein anderes Suede-Album. Eher scheint mir Mr. Anderson mit zunehmenden Jahren sogar angenehm zu reifen - aus dem Spitting-Image-Püppchen von einst ist langsam ein ernstzunehmender Singer-/Songwriter geworden. Or whatever.

Ocean Colour Scene machen auch schon immer das gleiche. Und wie bei Suede wird das Fans erfreuen, dem Rest der Welt ist es eh wurscht. Trotzdem ist die beste Nummer die, bei der sie musikalisch mal ein bißchen was anderes versuchen: If God Made Everyone.

Billy Bragg ist schon immer der beste und liebenswerteste von allen. Und daran wird auch die Tatsache nichts ändern, dass er heuer mal wieder eine waschechte Opa-Country-Platte eingespielt hat. Tooth And Nail - that’s music for the elderly.
Tragisch allerdings, wie bei so vielen sehr alt gewordenen Sängern, dass auch ihn die Stimmbänder so langsam im Stich lassen (siehe auch Bowie, Westernhagen usw.). Irgendwann ist halt biologisch Sense mit aufregend Singen - traurig aber wahr.
Am ehesten klappt’s noch hier.
Kaufen Sie sich lieber eines seiner dreizehntausend wunderschönen Alben von vor Jahren.

BaMuZi, Teil 5 - Nevermind Of Bullocks!!

22. April 2013

Als ich hier vor einiger Zeit die BaMuZi-Serie ins Leben rief, hatte das einen einfachen aber wunderschönen Grund: Daheim bei Muttern, in meinem ehemaligen Kinderzimmer, fand ich in einem der hinteren Schränke ein paar Relikte aus Teenagertagen; Comics, alte Schulhefte und -Bücher, sowie ca. zwei Jahrgänge der Zeitschrift Fachblatt Musik Magazin, die der adoleszente Lenin, wie sich das seinerzeit für Popstars-in-the-making geziemte, Mitte der 80er pflichtgemäß weggeschmökert hatte. Weil das weniger Schweinehundfighten bedeutete als wirklich Gitarre zu üben und man dabei so prima von der eigenen fürs spätere Leben vorgesehenen Weltstar-Karriere träumen konnte.
Und welch königliches Plaisir das in den letzten Wochen war, diese alten Schinken allesamt grad noch einmal komplett durchzulesen!
Das Fachblatt wandte sich ausschließlich an Musiker, war, wenn man so will, eine Art Softporno für Equipment-Fetischisten, nannte sich aber trotzdem „Musikmagazin“, und berichtete eben nicht ausschließlich über neue Amps und Effektgeräte sondern auch ganz viel über Bands und Platten. In Form von Interviews und Rezensionen.
Ein Musikmagazin wohlgemerkt, das größtenteils von Musikern geschrieben wurde. Also nicht zwingend mit dem Segen rhetorischer Fähigkeiten oder gar einer ebensolchen Ausbildung ausgestatteter Personen. Eher Leuten, die zwar ganz gut mit einem Lötkolben oder vielleicht sogar einem Plektron hantieren konnten, aber nicht unbedingt mit der eigenen Muttersprache.
Die Musik weniger von ihrer ästhetischen als vielmehr von ihrer handwerklichen Seite aus beleuchteten. Das eine hat zwar durchaus etwas mit dem anderen zu tun, aber ein unseliger Fokus ist es natürlich trotzdem.
Das Fachblatt strotzte vor Druckfehlern, sprachstilistischen Mißgriffen, Ausweisen mangelhafter Englischkenntnisse und teilweise haarsträubenden musikhistorischen Fehlern und Fehlurteilen, das es eine Art war. Bei totaler Abwesenheit jeglichen Sinns für so etwas wie „Independent-Kultur“. Und das alles obendrein aufgeschrieben in dieser latent ekelerregenden, gewollt lockeren Mucker-Kumpelhaftigkeit – es war einfach toll!

Natürlich ist es unmöglich, Sie an diesem Spaß in vollem Umfang teilhaben zu lassen. Aber ich möchte es zumindest nicht versäumen, Ihnen an Hand weniger Beispiele eine kleine Ahnung zu vermitteln.

So berichtet das Fachblatt anno 86 über eine damals noch weitgehend unbekannte Soulband aus Manchester namens Simply Red. Deren erste Single „Monoy’s Too Tight To Mention“ enthalte die Zeile „Wo’re talking about Ronnie, Ronnie“, was dem Song eine „zusätzliche politische Dimension“ verleihe.
Nun, zwei zusätzliche Os hat es dem Song ohne Zweifel verliehen. Doch was an dieser Stelle noch wie ein unglücklicher Zufall oder eine defekte Schreibmaschine aussieht, entpuppt sich schon auf der Folgeseite als System, wenn von Dylans Song „Quinn The Eskomo“ die Rede ist (auf der gleichen Seite auf der die Bangles kurzerhand in “Bagles” umbenannt werden).
Schade fürs Fachblatt, dass in jenem Monat niemand eine Coverversion von Dro Chonoson mot dom Kontroboss rausbrachte. Darüber hätte es sicher gerne berichtet.

Dass man als Musikjournalist ruhig wissen darf, dass ein berühmter Liveclub in London „Marquee“ heißt, ist eins.
Dass man es als Fachblatt-Autor vielleicht trotzdem nicht tut, etwas anderes.
Dass man sich dann aber (so geschehen im Bericht über die Band The Multicoloured Shades), von allen Möglichkeiten den Namen falsch zu schreiben, ausgerechnet für „Marquez“ entscheidet – das hat einfach humoristische Klasse!

Über ein Mitglied von Boytronic erfahren wir, er sei hauptberuflich für das Styling von Models zuständig, und zwar für “Präsentationen prominenter und prominentester Mode-Designer wie Wolfgang Joob”.
Nun, offenbar nicht “prominent oder prominentest” genug, dass das Fachblatt seinen Namen kennen würde. Aber gegenüber Namen kultivierte man ohnehin eine überzeugte laissez-faire-Attitüde - diese sind bekanntlich Schall und Rauch, auch und gerade wenn es sich um solche aus des Blattes ureigenem Metier handelt, der Musik.

Mal gibt man sich ressourcenschonend, etwa wenn The Go-Betweens zur Gruppe “Go Between” zurechtgestutzt werden, mal intellektuellenfreundlich, wenn Jaz Coleman, der Sänger von Killing Joke (Fachblatt: “die Killing Jokes”) zu “Jazz Coleman” wird, und manchmal auch richtiggehend kreativ, z.B. wenn der Jaz/Jazz-Klarinettist Jimmy Giuffre kurzerhand zu einem “Jimmy Due Fray” mutiert.

Der Gipfel der Stümperei begegnet uns in einem Interview mit den damals noch jungwilden Chili Peppers. Anthony Kiedis schwafelt irgendwas über die Sex Pistols und Flea erklärt (natürlich nur laut Interview-Transkription des Fachblatts…):
„Er meint das Album Nevermind Of Bullshit.“,
was die Autorin zu dem schlaumeierischen Hinweis an die Leser animiert, das Album heiße in Wirklichkeit „Nevermind Of Bullocks“!
Ja genau. Und wer es fertigbringt, als bezahlter Schreiber eines Musikmagazins in den Titel eines der berühmtesten Alben der Rockgeschichte drei (in Worten: drei) Fehler einzubauen, den muss man einfach für seine Chuzpe hutziehend bewundern.
Dieser Meinung ist bestimmt auch Sandra Bullock.

Herrlich auch die Plattenkritiken:
„The Cure darf man wohl ohne weiteres als eine der eigenwilligsten und originellsten englischen Gitarrenrock-Formationen bezeichnen.“
Der gescheiterte Rocker sitzt in seiner Mansarde in Wermelskirchen, statt Autogramme mit Lippenstift auf Groupie-Bäuche schreibt er halt Plattenbesprechungen fürs Fachblatt und teilt der Welt mit, als was man The Cure bezeichnen darf.
Als „Gitarrenrock-Formation“ nämlich, und zwar „ohne weiteres“.
Das ist so herzzerreißend provinziell, dass ich fast vor Freude weinen muss.

Im gleichen Heft teilt man uns beflissen mit, R.E.M. sei eine Abkürzung und stehe für Rapid Eye Movement. Ach tatsächlich? Und F.B.I steht für Fachblatt Bureau of Investigation?

„Alle Jahre wieder taucht er (…) aus der Versenkung auf, um seine kleine aber getreue Anhängerschar mit einem neuen Werk zu erfreuen: Frankie Miller. Für sein erstes Lebenszeichen nach rund vier Jahren Funkstille hat der Schotte eine beachtliche Besetzung zusammengetrommelt.“
Warum nicht mal eine Kritik mit dem schwungvollen Slogan „Alle Jahre wieder“ beginnen? Ist doch schmissig, nicht? Und darauf zu verweisen, dass es im Zusammenhang mit vier Jahren Funkstille auch gänzlich sinnfrei ist, wäre Erbsenzählerei?
Darlin’, I’m feeling pretty lonesome!

Und das Schönste zum Schluss:
Ex-10CCler Godley&Creme werden mit der interessanten Neuigkeit konfrontiert “Ihr habt auch ein Komikbuch über das Rockmusikgeschäft gemacht”.
Was für ein Buch?
Ein Komikbuch.
Steht da geschrieben!
Ich meine, dieses Zitat ist in der Tat das Highlight, weil es so unerklärlich bleibt. Heutzutage würde man vermutlich ein mieses Übersetzungsprogramm für den Fehler verantwortlich machen, aber derlei gab es ja damals noch nicht. Und die Autoren selbst müssten doch wissen, was sie gefragt haben.
Oder wurden beim Fachblatt die Interview-Tonbänder nicht von den Redakteuren selbst übersetzt, sondern von einem Veteran aus dem Zweiten Weltkrieg, der seinerzeit schon für die Nazis codierte Funksprüche der Alliierten entschlüsselte, und also ob seines greisen Alters und seiner strammen Gesinnung einfach nichts von der Existenz von Comics mitbekommen hat?

Es ist einfach zu herrlich, und ein fürwahr runder Schluss dieser kleinen Studie, denn letztlich ist ein Jahrgang Fachblatt natürlich nichts anderes als ein “Komikbuch” in Reinkultur.
Ein Kleinod deutscher Nachkriegsrealsatire und nebenbei auch ein hervorragender historischer Spiegel der 80er-Jahre.
Und dass am gleichen Ort (Köln) zur gleichen Zeit noch eine ganz andere Musikpostille, nämlich die SPEX, produziert wurde, ein beinahe unglaublicher Treppenwitz der Kulturgeschichte.
Never Mind The Bull-Eyes!

BaMuZi, Teil 4

9. April 2013

Kurt Koelsch interviewt Tom Robinson für das Fachblatt im Februar 1985:

FB: Welchen Eindruck hat die DDR bei Dir hinterlassen?

T.R.: Es tut mir Leid, aber ich fand’s toll dort.

FB: Das braucht Dir nicht Leid zu tun, aber könntest Du erklären, warum?

T.R.: Man braucht zwei Wochen, um sich an das Grau in Grau, die Farblosigkeit, die Wartburgs und all das zu gewöhnen, aber dann akzeptiert man es und erlebt Deutschland, wie es ohne den Einfluss der Amerikaner gewesen ist. Ein Deutschland, so nehme ich an, aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Drüben restauriert man sehr liebevoll die Häuser, anstatt alles gleich abzureißen und neu zu bauen. Vor allem nah der polnischen Grenze, wo nicht alles niedergebombt war, lernt man das andere Deutschland kennen. Dort benutzt man noch keinen Kaffeeweißer, denn das ist eine amerikanische Erfindung. Außerdem - und das fand ich sehr angenehm - haben die Russen dort ein sehr niedriges Profil. Sie halten sich, zumindest in der Öffentlichkeit, sehr zurück. (…)

FB: Konntest Du Dich frei bewegen?

T.R.: Aber sicher. Ich habe ein Visa für die ganze DDR, nicht nur die Transitstraßen. Manchmal bin ich von Ostberlin nach Hamburg gefahren, habe Einkäufe gemacht und bin abends wieder zurück. Ich konnte mich freier bewegen als jeder Westdeutsche.

Konnte sich freier bewegen als jeder Westdeutsche, der gute Tom! Das ist natürlich prima - schade bloß, dass das kein Ostdeutscher zu dieser Zeit von sich behauptet hätte…
Um “Einkäufe” zu machen, bevorzugte Mister Robinson interessanterweise trotzdem die Wahlheimat Hamburch, anstatt eines der glamourösen Shoppingparadiese “nahe der polnischen Grenze” zu besuchen.
Und während sich die Tommies in Hamburg wenigstens am Wochenende ordentlich mit deutschem Bier vollaufen lassen durften, mussten ihre armen russischen Kollegen natürlich ein “sehr niedriges Profil” bewahren. Tja, wohl dem, der “ein Visa” für ein Land ohne Kaffeeweißer sein eigen nennen kann.
Aber, Hohn bei Seite. Tom Robinson war nämlich im Grunde einer von den Guten - für einen Musiker durchaus intelligent (wenngleich seine Musik einem heute wie von “vor dem zweiten Weltkrieg” vorkommt) und für einen Engländer nahezu ein Fremdsprachengenie. Und dass die jahrzehntelang uns täglich berieselnde Anti-Zonen-Propaganda seinerzeit naturgemäß gerade bei den eher aufgeweckten Geistern so manch krasse Fehldiagnose bezüglich des sog. “real existierenden Sozialismus” verursachte - Schwamm drüber.

Krohm

5. April 2013

Auf Grund andauernder Internet-Kalamitäten, in denen ich mich in den letzten Tagen mal wieder befand, habe ich heute meinen Standardbrowser gewechselt.
Chrome heißt es also in Zukunft, und in der Tat scheint das olle Netz auf Anhieb ein wenig schneller zu funzen. Nicht so gut wie früher (bis vor etwa einer Woche), aber früher war ja eh alles besser, nicht?
Irgendwie Chrom waren seinerzeit ja auch die etwas hochwertigeren Cassetten, auf denen wir jahrelang unsere Lieblingshits speicherten - die mieseren waren bloß “Ferro”, und die noch besseren waren “Metall”, aber das klang uns schon damals eine Spur zu martialisch und war eh zu teuer (wenngleich sich in jungen Jahren viel “Metal” auf den besagten Cassetten wiederfand), und bei Dalli Dalli wäre es ohnehin von Medy Riehl als “Oberbegriff” abgezogen worden…
Warten wir also ab, was Chrome uns beschert.
Vielleicht ja sogar bessere Blogartikel, als den soeben gelesenen.

Of foals and fools

28. März 2013

Das neue Jahr ist schon wieder zu 25% rum, also Zeit für ein paar musikalische Notizen.

Tocotronic waren einst in nahezu allen Belangen die wichtigste und aufregendste deutsche Band. Auf ihrem seit einigen Jahren andauernden schleichenden Rückzug aus dem Zentrum der Aufmerksamkeit haben sie nun Nägel mit Köpfen gemacht und ihren endgültigen Abschied von der musikalischen Relevanz bekanntgegeben.
Dass sie dazu statt einer einfachen Pressemeldung gleich ein ganzes Album namens Wie Wir Leben Wollen veröffentlichten, sei ihrer immer noch irgendwie liebenswerten Eigenartigkeit gestattet.

Die Foals waren die Shooting-Stars von neulich, und ihre ersten beiden Alben machten sie weltweit zu Lieblingen aller Indie-Dancefloors, wo Nummern wie Hummer und Cassius wie die sprichwörtlichen Bomben einschlugen und Horden von jungen wie alten Musikfreunden in Ekstase und Begeisterung versetzten.
Um so größer die Ernüchterung, die mit dem neuen Album Holy Fire einhergeht. Ähnlich wie bereits letztes Jahr, als Two Door Cinema Club ihr Beacon vorlegten, fragt man sich händeringend, wer zum Teufel all diesen wilden, innovativen, stürmen- und drängenden Bands eigentlich plötzlich den Stecker gezogen hat. Und warum?
Auf dem Opener Inhaler verwechseln sie (oder Produzent Flood) sich kurzerhand mit einer Prog-Rock-Kapelle (bezeichnenderweise geht dem Song auf dem Album ein vierminütiges Prelude voraus), die meisten anderen Songs plätschern hookfrei und uninspiriert vor sich hin. Am ehesten erinnert noch die zweite Singleauskopplung My Number an gute alte Tage. Konsequenterweise ist der Song Late Night das Highlight wegen seines potenziellen Falschverstehers im Refrain - Sänger Yannis Philippakis scheint fortlaufend von “Sellerie” zu singen.
Und in Providence plädiert er wiederholt, “I am an animal just like you”. Stimmt sogar, denn wie Ihr Blogadministrator ist offenbar auch Herr Philippakis leider nicht mehr der Gepard von einst, sondern nurmehr ein ziemlich verschlafenes Murmeltier.
Fazit: Herbe Enttäuschung.

Wagen wir also in dieser offensichtlichen Flaute auf den Indie-Meeren einen kleinen Seitentörn in andere musikalische Gewässer:
Blumentopf haben gerade ein Live-Album veröffentlicht. Nicht dass Sie mich falsch verstehen - Hiphop ist und bleibt live unerträglich, egal ob im Club, auf dem Festival oder auf Platte. Aber die dahinterstehende Studioveröffentlichung vom letzten Herbst (Nieder mit der GbR) ist trotz der ehrgeizigen Zahl von 16 Songs beinahe in voller Länge empfehlenswert.
Ein erquickliches Kleinod an andauernden verbalen Albernheiten, gereimten Kalauern und hier und da sogar gut beobachteter Bestandsaufnahme gesellschaftlicher Gegen- Um- und Mißstände.
“Wir brauchen keine Architekten, um Scheiße zu bauen” kündigen Blumentopf auf dem Opener Antihelden vollmundig an, und in der Tat: sie “exen Schnapsideen” im Minutentakt und das noch zu größtenteils durchaus sauber produzierten, abwechslungsreichen Beats.
“Ich bin ne Stereotype mit nem Monolebenslauf.” oder
“Pendler warten am Bahnsteig auf Freitag als wären sie Robinson,” - wer auf derlei Wortspielerein steht, wird hier großen Spaß erleben.
Und auf Rosi darf sogar Altnichtmeister Günter Sigl (”unter 32 16 8″) den Refrain singen, nahezu aufwühlend nostalgisch.
Herausragend aus meiner Sicht ist natürlich der Song Schwarzes Gold, eine hymnische Liebeserklärung an Herrn Lenins Lieblingsgetränk Kaffee.
“Pack Deine Koffer, wir pilgern nach Mokka!”
Wohlan und weiter so.
Ihr Al CaBohne

Links:
Foals - My Number
Blumentopf - Schwarzes Gold

Friedrich Merz liest aus Karl-May-Text

25. März 2013

lyrischer Versuch über einen Spiegel-Titel aus den späten 70ern:

RAF redet Klartext

RAF redet Klartext
DVU redet Freytext
Boris Rhein redet Fließtext
Nationalmannschaft Kameruns redet Songtext
Harald Juhnke redet Volltext
Stevie Wonder redet Blindtext
Und Pariser reden Latext

BaMuZi*, Teil 3

21. März 2013

*= heute: BaKriZi - bahnbrechende Kritikerzitate

Zum Thema “moderne Kunst” im allgemeinen und “neue Musik” im besonderen hatte ich Ihnen hier vor einigen Jahren bereits das wichtigste gesagt.
Anlässlich meines unlängst gestarteten Versuchs, an Hand von Musikerzitaten aus längst vergangenen Zeiten eine Art Pohistorie im Spiegel der Zeitläufte zu erzeugen (BaMuZi), möchte ich das Thema heute noch mal aufgreifen, und präsentiere Ihnen zwei Statements aus den 60er Jahren, jeweils von Vertretern der anti-avantgardistischen Front.
Dabei finde ich das erste Beispiel auf Grund seiner farbenfrohen Polemik-Prosa beinahe famos:

Die seit 1945 angewandte Taktik der Zwöftonsekte, ihre Gegner mangels sachlicher Argumente politisch zu diffamieren, ist dank der unermüdlichen Aufklärungsarbeit abgenützt, fadenscheinig und zudem fast allgemein durchschaut worden. Dabei möchte ich die Charakterisierung der Zwöftöner als einer Sekte gar nicht dahin verstanden wissen, als ob sie wirklich ihrem Glauben so leidenschaftlich anhingen, wie dies den Anschein weckt. Ich bin im Gegenteil der Meinung, die meisten von ihnen - in der Malerei sieht’s nicht anders aus - sind halb oder scharlatanisch begabte Banausen, Snobs oder geschickte Gaukler, denen die abstrakt-atonale “Kunstrichtung” die Möglichkeit gibt, sich seit Jahren als geniale, unverstandene, eben avantgardistische Künstler zu gerieren. Aber diese bunte, im Grunde komische Korona von elektronischen Geräuschkulissenschiebern, parametrisch determinierten Tontraubenpflückern, psychisch unterschwelligen Farbenklecksern, raumplastischen Eisendrahtverbiegern und dienstbeflissen mittrottenden Theorie-Marketendern weiß genau, dass mit dem Verebben der modernistischen Welle zugleich auch ihre mühelose aber einträgliche Tätigkeit zu Ende und die Umstellung auf eine nützliche Büro- oder Handarbeit unvermeidlich wäre.”
(aus: Alois Melichar - Schönberg und die Folgen, 1960)

Herrlich! “Zwölftonsekte”, “halb oder scharlatanisch begabte Banausen”, “Eisendrahtverbieger”, “Theorie-Marketender” etc.
Natürlich darf dann gegen Ende auch das Lieblingsargument einer ganzen Generation (die nun dummerweise ausgerechnet unsere Elterngeneration war…), diese Menschen mögen doch gefälligst was Anständiges lernen (hier: “nützliche Büro- oder Handarbeit”) nicht fehlen. Mit der Bezeichnung der Werke Stockhausens und Konsorten als “im Grunde komisch” liegt der Autor aber selbstredend sehr nahe an der Wahrheit.

So weit, so fein gebrüllt.
Weitaus weniger amüsant ist eine solche Kritik dann schon in der Wortwahl des Kollegen Willy Hess aus dem Jahre 1967:

Der satanische Kampf gegen die Seele des Abendlandes geht planmäßig Hand in Hand mit der Propagierung von physischen Giften, die Leib und Seele zerstören. Das Verjazzen von Werken Beethovens und Bachs dient keineswegs nur einer gewissen Sorte von geistig Halbstarken zur Unterhaltung, sondern es steckt Methode darin, dieselbe Methode, die den geistigen Nihilisten Le Corbusier den Herztod aller europäischen Städte fordern lässt. (…) Hans Pfitzner hat einst ausgerufen, solange man den Verfasser eines “Dreimäderlhauses” nicht mit lebenslänglichem Zuchthaus bestrafen könne, hätten wir noch keinen Autorenschutz. Was aber soll man zu einer derart schamlosen Verhöhnung und Verkitschung edelsten deutschen, ja, europäischen Kulturguts durch einen schmutzigen amerikanischen Merkantilismus sagen? In alten Zeiten wurden die Brunnenvergifter als Verbrecher am Volke hingerichtet - die heutigen Brunnenvergifter des Geistes und der Seele verdienen Millionen, bekommen von der Kirche ölig-verklärte Nachrufe und von den Universitäten akademische Ehrungen.”
(aus: Willy Hess: Parteilose Kunst - Parteilose Wissenschaft, 1967)

Nun, hieran ist eigentlich nichts mehr lustig.
Schon die penetrante Erwähnung der “Seele”, einem der Lieblingsworte der deutschen Romantik, ist natürlich verdächtig. Und das Ausspielen “edelsten deutschen Kulturgutes” gegen “schmutzigen amerikanischen Merkantilismus” zielt rhetorisch nurmehr pro forma verbrämt auf den “jüdischen Finanzkapitalismus” unseligster historischer Zeiten, mit anderen Worten, wir haben es hier mit nichts anderem als als Kunstkritik getarntem Faschismus zu tun. Was sich auch durch die Auswahl der gerügten Personen (Le Corbusier, Pfitzner - beides eher Sympathisanten als aktive Gegner der extremen Rechten) nicht mehr kaschieren lässt. Wobei nicht ganz klar wird, ob Herr Hess hier mit Pfitzner schimpft oder ihm beipflichtet… Da kümmert dann auch kaum noch der in beiden Beiträgen gemachte, unsinnige Vorwurf ökonomischen Gewinnstrebens - denn man kann den Vertretern der seriellen musikalischen Moderne ja durchaus so einiges vorwerfen, aber mit Sicherheit eines nicht: nämlich dass ihre Musik übertrieben “kommerziell” wäre…

BaMuZi, Teil 2

6. März 2013

“Ich hatte diesen Traum von blauen Schildkröten zu der Zeit, als ich eine Selbsterfahrungstherapie gemacht habe. Ich verbrachte ein Jahr mit Baroness van der Heydt, einer Anhängerin der Lehre Karl Jungs. Sie motivierte mich, an meinen Träumen festzuhalten und sie in die Tat umzusetzen. Einer meiner Träume handelte von 4 blauen Schildkröten in einem sehr ordentlichen englischen Garten; mit Rasen, Blumen, einem Baum; rundherum waren Mauern, bewachsen mit Efeu. Aus diesen Mauern kamen sie, 4 athletische macho-mäßige, prähistorische Schildkröten und begannen, den Garten zu verwüsten. Sie revolutionierten die Ästhetik, die sorgsam aufgebaute Struktur dieses Gartens. Im Traum konnte ich sogar darüber lachen. Und wenn ich heute diesen Traum auf die Wirklichkeit übertrage, dann waren die 4 Schildkröten meine 4 schwarzen Jazzmusiker, die mein so sorgsam gehütetes musikalisches Patentrezept zerpflückten. Ich hoffe, dass durch dieses Umgraben meines Nährbodens bald eine neue, gute Ernte in meinem Leben ansteht.”
Sting, 1985

Und wenn sie jetzt beim Lesen noch nicht kotzen mussten, brauchen Sie ja einfach nur das dazugehörige Album zu hören.
O.M.G.!